Ein Verband im Wandel
Unglauben, Aufregung und Freude
35 Jahre ASB in Ost- und Mitteldeutschland – eine Erfolgsgeschichte
Die Wiedergründung des ASB in der DDR war ein Kraftakt, der sich gelohnt hat. Von den ersten mutigen Schritten nach dem Mauerfall bis zur modernen Hilfs- und Wohlfahrtsorganisation von heute war es ein mühevoller Weg. Vor 35 Jahren wurde der ASB zum ersten gesamtdeutschen Wohlfahrtsverband in Deutschland und leistet heute auch in den fünf ost- und mitteldeutschen Bundesländern einen unverzichtbaren Beitrag für die Gesellschaft.

Damals: Monika Prinz war von 1992 bis 1998 Mitarbeiterin der ASB-Sozialstation in Erfurt: „Als unsere ambulante Pflege damals ins Rollen kam, gab es nicht viele Autos. Wir schenkten dem ASB unseren Trabi und ich hatte fortan einen Dienstwagen.“
Unglauben, Aufregung, Freude – das waren die vorherrschenden Gefühle, als der damalige SED-Politiker Günter Schabowski am Abend des 9. November 1989 fast beiläufig die Mauer öffnete. Zehntausende Menschen brachen daraufhin zu den verschiedenen Berliner Grenzübergängen auf, voller Unglauben und Hoffnung. Nach 28 Jahren der Trennung öffneten sich die Schlagbäume, Menschen aus Ost und West jubelten und feierten gemeinsam. Die deutsche Teilung war Geschichte. Im Bonner Bundestag gab Annemarie Renger, damalige Bundestagsvizepräsidentin und ASB-Präsidentin, die Öffnung während einer Bundestagssitzung bekannt.
Beginn einer turbulenten Zeitreise
Für den ASB öffnete sich damit gleichzeitig der Weg zurück nach Ost- und Mitteldeutschland. Ab Januar 1990 war der ASB startbereit zum Wiederaufbau einer Organisation, die seit 1933 nicht mehr existieren durfte. Schon im Dezember 1989 wurden alle ASB-Gliederungen von der Kölner Bundesgeschäftsstelle gebeten, ihre Kontakte zu nutzen, um den ASB in der DDR wieder zu gründen. Der Aufruf war eigentlich gar nicht nötig, denn die Gliederungen im Westen hatten die Initiative bereits ergriffen.
Bereits am 27. Januar 1990 wurde der erste ASB-Ortsverband auf ostdeutschem Boden in Mecklenburg-Vorpommern wieder gegründet. In Güstrow versammelten sich 16 engagierte Menschen aus Ost und West in der Wohnung von Jürgen und Sybille Wangerin. Sie waren zusammengekommen, um der überlasteten staatlichen Struktur in der Region einen gemeinnützigen Hilfsdienst an die Seite zu stellen.
Einmalige Solidaritätsaktion zwischen Ost und West
Der ASB startete seine Wiedergründung mit atemberaubender Geschwindigkeit. Noch im ersten Halbjahr 1990 gab es in allen größeren Städten der DDR wieder ASB-Ortsverbände. Möglich wurde dies durch eine einmalige Solidaritätsaktion aller Gliederungen in Westdeutschland – gemeinsam mit Tausenden DDR-Bürger:innen, die sich vor Ort zusammentaten.
Am 13. Oktober 1990 waren die neuen ASB-Landesvorsitzenden mit ihren Stellvertreter:innen bereits bei der Sitzung des Bundesausschusses in Köln vertreten. Auf der Tagesordnung stand die „Aufnahme von fünf neuen Landesverbänden in den ASB“, die einstimmig erfolgte. Der damalige ASB-Bundesvorsitzende Martin Ehmer und ASB-Präsidentin Annemarie Renger verkündeten stolz, der ASB sei damit die erste gesamtdeutsche Wohlfahrtsorganisation.
Das größte Ereignis der ASB-Geschichte
Was viele lange nicht für möglich hielten, ist 1990 doch noch wahr geworden: 57 Jahre nach dem Verbot durch die Nationalsozialisten und der Zeit nach dem Krieg gab es wieder ASB-Gliederungen auf ostdeutschem Boden. Diese Erfolgsgeschichte wurde geschrieben von Frauen und Männern, die nach dem Mauerfall nicht zögerten und sich voller Eifer in den Wiederaufbau des ASB stürzten. Der Dank für so viel Einsatz gebührt den Gründer:innen und Helfer:innen, den Mitgliedern, den Förder:innen und den Freiwilligen genauso wie allen hauptamtlich Aktiven im ASB. Sie alle haben wesentlich zum Erfolg des ASB in Ostdeutschland beigetragen und ihn zu einem Markenzeichen für Solidarität und Toleranz gemacht.
Weiterentwicklung seit den 2000er-Jahren
Nach der Konsolidierungsphase wandelte sich der ASB in den „neuen“ Bundesländern zu einem modernen, hoch spezialisierten Sozial- und Dienstleistungsverband mit einem starken ehrenamtlichen Fundament.
Professionalisierung in der sozialen Arbeit:
Angesichts des demografischen Wandels im Osten spezialisierte sich der ASB stark auf die Pflege. Es entstanden moderne Seniorenzentren, betreute Wohnanlagen, ambulante Pflegedienste und Sozialstationen. Der ASB trieb den Ausbau seiner Trägerschaft für Kindertagesstätten, Hortgruppen und Schulsozialarbeit voran, um den veränderten gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden.
Erweiterung im Katastrophenschutz:
Die Jahrhunderthochwasser an Elbe, Mulde und Saale in den Jahren 2002 und 2013 gehörten zu den größten Katastrophenschutzeinsätzen in der Geschichte der ostdeutschen ASB-Landesverbände. Sie zeigten, wie stark sich der ASB in den Jahren nach der Wiedergründung in den „neuen“ Bundesländern als operative Säule im Bevölkerungsschutz etabliert hatte.
Integration der Rettungsdienste:
Die rettungsdienstlichen Strukturen wurden schrittweise nach modernen, landesweiten Qualitätsstandards modernisiert. Zukunftsweisende Einsatzleitsysteme, Telenotarzt-Projekte und die digitale Ausbildung hielten Einzug.
Einführung des ASB-Wünschewagens:
Ab 2015 startete das Ehrenamtsprojekt auch in Ostdeutschland und ist dort inzwischen mit fünf Fahrzeugen im Einsatz.
Flüchtlingshilfe 2015/2016:
Während der Migrationsbewegung übernahm der ASB in allen fünf neuen Bundesländern den Aufbau und Betrieb zahlreicher Erstaufnahmeeinrichtungen, Notunterkünfte und Integrationsangebote.
2020er-Jahre:
Die ostdeutschen ASB-Landesverbände bildeten ein Rückgrat in der Corona-Krise. Sie betrieben mobile Impfteams, Corona-Testzentren und unterstützten Pflegeheime nach Ausbrüchen.
Fluthilfe und Ukraine-Krise ab 2021/2022:
Ostdeutsche Helfergruppen engagierten sich nach der Flut im Ahrtal sowie bei der Versorgung und Unterbringung geflüchteter Menschen aus der Ukraine.
ⓘ Und heute: Sophie Halbritter, Mitarbeiterin der Ambulanten Pflege beim ASB-Regionalverband Ostthüringen/Gera, vor ihrem E-Fahrzeug am Standort Wiesestraße.

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